Die Geschichte von Chica
Genau genommen begann die Geschichte von Chica bereits irgendwo zwischen 1995 und 1996. Das war die Zeit, in der langsam klar wurde, dass für den Amiga so schnell keine neue Hardware mehr erscheinen würde, während im PC Bereich ständig neue Prozessoren, Grafikkarten und andere Entwicklungen angekündigt wurden.
Während viele Nutzer, gerade im BTX und in den damals noch jungen Internetforen, den Amiga hauptsächlich über seine Hardware definierten, habe ich den eigentlichen Kern des Systems immer eher im AmigaOS gesehen.
Auch in den klassischen Diskussionen darüber, was nun besser sei, PC oder Amiga, habe ich mich fast immer auf MS DOS, Windows und AmigaOS bezogen und deutlich seltener auf die eigentliche Hardware.
Natürlich war ich damals noch jung und durchaus optimistisch. Ein wenig Wunschdenken gehörte sicher ebenfalls dazu. Trotzdem war mir schon damals klar: Wenn das AmigaOS überleben soll, muss es weiterentwickelt und verbreitet werden. Die grosse Frage war nur, wie man ein Betriebssystem verbreiten soll, wenn die dazugehörige Hardware immer weiter zurückfällt.
Eines war für mich offensichtlich. Ein Betriebssystem verbreitet sich über Software. Software wird aber nur dann entwickelt, wenn es dafür einen Markt gibt. Und genau das wird schwierig, wenn selbst ein gutes Betriebssystem auf Hardware angewiesen ist, die technisch Jahr für Jahr weiter zurückfällt und von immer mehr Nutzern verlassen wird.
Schon damals entstand bei mir die Idee, man müsste das AmigaOS auf andere Hardware bringen, ohne das Betriebssystem selbst grundlegend verändern zu müssen.
Der Gedanke dahinter war, aus dem AmigaOS ein System zu machen, das seine grundlegende Hardware einfach mitbringt und gleichzeitig durch echte Hardware erweitert werden kann. Auch wenn die spezielle Hardware immer das Markenzeichen des Amiga war, wurde dieser Vorsprung nie wirklich gehalten oder ausgebaut. Stattdessen musste man zusehen, wie der PC immer weiter aufholte und es plötzlich selbst für ein in meinen Augen deutlich schlechteres Betriebssystem wie Windows bessere Software und Spiele gab.
Im Laufe der Zeit hatte ich viele Ideen. Damals hatte ich zum Beispiel NetBSD installiert und dachte mir: Hardwareunabhängig ist es ja bereits, also müsste man darauf doch irgendwie einen Emulator direkt beim Booten starten lassen können. Wirklich weit kamen diese Pläne allerdings nie.
Zwischen 2003 und 2004 endete dann meine aktive AmigaOS Zeit weitgehend. Ich hatte zwar einen DraCo, der für meine Zwecke nach wie vor hervorragend funktionierte, doch immer stärker zeigte sich, dass ich technisch mehr und mehr vom Umfeld abgehängt wurde.
Besonders bei Browsern und Internetstandards wurde deutlich, dass sich die moderne Entwicklung immer weiter von dem entfernte, was AmigaOS damals noch bieten konnte.
Danach wurde es lange still um das Thema AmigaOS in meinem Alltag. Ganz verschwunden war es allerdings nie. Irgendwo im Hinterkopf blieb die Begeisterung immer bestehen.
Dennoch konnte ich mich nie wirklich mit klassischen Emulatoren anfreunden. Irgendetwas fehlte mir dabei immer. Es fühlte sich einfach nicht wie ein echter Amiga an. Gleichzeitig war originale Hardware inzwischen so teuer geworden, dass ein spontaner Neukauf kaum noch realistisch war.
Trotzdem entging mir natürlich nicht, dass es mittlerweile wieder spannende Entwicklungen rund um den Amiga gab. Vampire Karten, die ZZ9000, PiStorm und viele andere Projekte zeigten, dass die Plattform noch lange nicht tot war.
Dazu kam dann noch AmigaOS 3.2, wodurch meine Begeisterung endgültig zurückkehrte. Ich kaufte es mir, begann wieder damit zu experimentieren und machte schliesslich auch Videos darüber. Einige davon findet man heute hier auf der Seite.
Ja, vieles funktionierte inzwischen erstaunlich gut und machte mir wieder richtig Spass. Trotzdem blieb bei mir immer dieses Gefühl: Es ist nicht wirklich ein Amiga. Es läuft unter Linux auf moderner Desktop Hardware und fühlt sich dadurch irgendwie falsch an.
Also stellte sich erneut die Frage: Geht das nicht auch anders?
Projekte wie Vampire oder MiSTer fand ich zwar extrem spannend, lagen aber gleichzeitig ausserhalb meines Budgets.
Ich experimentierte mit vielen Ideen. Unter anderem mit Diet Linux auf dem Raspberry Pi in Kombination mit Amiberry. Auch dazu existieren Videos auf dieser Seite. Aber selbst dort blieb immer dieses typische Emulator Gefühl bestehen.
Zwischenzeitlich kamen mir die unterschiedlichsten Gedanken. Einer davon war, die Custom Chips einfach mit Mikrocontrollern nachzubauen, sie über einen Bus miteinander zu verbinden und daraus einen eigenen Amiga kompatiblen Rechner zu entwickeln.
Theoretisch hätte das funktionieren können, aber der Aufwand wäre enorm gewesen und das Debugging vermutlich ein absoluter Albtraum.
Ich neige allerdings dazu, mich sehr lange an technischen Problemen festzubeissen. Deshalb entstand irgendwann die nächste Idee: Warum nicht einfach den Opcode des 68000 auf den ARM Prozessor des Raspberry Pi umsetzen?
Bare Metal, kein Host Betriebssystem, direkter Start in das System. Eigentlich klang das zunächst gar nicht so unrealistisch.
Bis ich genauer darüber nachdachte.
Mir wurde schnell klar, wie gigantisch der Aufwand tatsächlich wäre. Jahre an Arbeit nur für eine CPU Emulation und dazu kaum Möglichkeiten, das Ganze vernünftig zu testen.
Dann kam plötzlich die KI ins Spiel.
Eher aus Langeweile begann ich irgendwann damit, mit ChatGPT über meine Ideen zu sprechen. Dabei kam der Hinweis auf bestehende Projekte wie Musashi und Moira, die bereits Open Source Implementierungen des 68000 bereitstellen und sich möglicherweise als Grundlage eignen würden.
Genau das war letztendlich die eigentliche Geburtsstunde von Chica.